Seit gut einem halben Jahr besucht unser Grosser einmal in der Woche einen „freien“ Kindergarten, bei welchem das Lernen überwiegend in der Natur stattfindet. Er geht jede Woche für fünf Stunden dort hin. Fünf Stunden pro Woche finden wir definitiv genug oder sogar zu viel. Ich schreibe dies als Einstieg, damit ihr seht, dass wir direkten Kontakt und Erfahrung mit einer „freien Schule/Kindergarten“ haben.

Es gibt diverse Gründe weshalb wir uns fürs unschooling ohne Institution auch ohne Freilernort entschieden haben:

  • Weg: Fangen wir mit dem unbedeutendsten Punkt an. Wir wohnen etwas abgelegen, der Weg zu einer Schule egal ob frei oder staatlich wäre definitiv einen grösseren Aufwand für uns alle.
  • Preis: Private Schulen sind teuer. Wäre es aber unser Wunsch, würden wir das Geld bestimmt irgendwie zusammenlegen können.
  • Zeit: Unsere Kinder haben keine Zeit für Schule oder einen Freilernort. Es ist in unseren Augen nicht kindgerecht um 8 oder 9 Uhr (von mir aus auch um 10 Uhr) am Morgen irgendwo einzutrudeln. Insbesondere der Morgen ist wichtig für die Kinder. Kinder wollen gemütlich in den Tag starten. Sie wollen mit ihren eigenen Projekten und Spielideen den Tag beginnen. Zeitdruck ist da fehl am Platz. Kinder haben eigentlich gar keine Zeit für solches ortsgebundenes Lernen. Wenn man Kinder lässt, dann sind sie sehr kreativ und innovativ. (Später im Leben wer.den sie von sich aus lernen zu einem gewünschten Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, dies muss nicht mit 4 oder mit 8 Jahren gelernt werden. Zudem bekommen es die Kinder bei allen innerfamiliären Terminen schon von klein auf mit. Dazu braucht es keine Schule. )
  • Ortsgebundenheit: Es braucht keinen Lernraum und kein Lernhaus. Diese vier oder mehr Wände schränken unsere Kinder nur ein. Kinder lernen immer und überall. Es ist absolut nicht nötig einen Lernstall zu haben.
  • Lehrer / Coaches / Workshopleiter: Diese sind nur dann hilfreich, wenn es Mentoren sind, wenn sie mit ihrem Angebot Feuer und Flamme sind und wenn das Kind von sich aus an genau dem Thema interessiert ist, welches angeboten wird. Jeden Tag oder jede Woche andere, von Aussen gesteuerte Angebote sind kontraproduktiv und schaffen nur konsumfreudige Menschen, die ihre eigenen Interesse zurückstellen oder vergessen. Anregungen und Impulse gibt es genügend im Alltag, denn das Lernen von Unschoolern findet längst nicht nur zu Hause statt.
  • Lernumgebung: Es braucht keine grosse durchdachte Lernumgebung, welche es an manchen alternativen Schulen gibt. So viele Impulse sind eher eine Überforderung für die noch jungen Wesen. Ein paar einzelne schöne Gegenstände und Bücher sind aber sicher nicht fehl am Platz. Es werden immer mehr Sachen dazu kommen, entweder durch Geschenke oder durch das natürliche Interesse der Kinder. Wenn sich ein Kind für ein Thema wirklich interessiert, macht es natürlich Sinn, das Kind dabei zu unterstützen und auch Bücher und Materialien anzuschaffen. Weniger ist jedoch auch hier in der Regel mehr. Das schönste, wertvollste und vor allem individuellste und persönlichste entsteht in der Regel aus dem Nichts.
  • Endecken: Kinder wollen von Anfang an entdecken. Wir haben einige Schulen und Lernorte aus Neugierde angeschaut und uns die Frage gestellt, können hier Kinder wirklich entdecken. Ich nehme die Antwort gleich vorweg: An keinem von uns angeschauten Ort können die Kinder wirklich entdecken. In sogenannten Freilerner-Schulen sind aus unserer Sicht die „Schosskinder“ das grösste Hinderniss. Schosskinder sind für uns Kinder die die meiste Zeit auf dem Schoss der Eltern sitzen und Eltern haben, welche ständig für sie reagieren und antworten. Eltern die einen künstlichen Schutzraum um die Kinder bilden, welcher die Kinder offensichtlich einschränkt. Also hier im übertragenen Sinn würde es sich um „Schossschulen“ handeln. In der Regel haben genau diese Schulen eine riesige Lernumgebung, welche eher einschränkt als Platz für eigenes lässt.
    Dann gibt es noch einen anderen Typ freier Schulen, zu dem auch der Kindergarten gehört, welcher unser Grosser besucht. Diese Schulen stellen zwar das System in Frage und erleichtern den Kinder z.B. durch weniger Anweseheitspflicht die Schulzeit, jedoch haben sie noch viele Elemente der „normalen“ Schulen, die sie begleiten. Erstklässer müssen lesen und schreiben lernen, sie dürfen es aber in der Natur machen. Sie nehmen Projekte der Kinder auf, was aber bedeutet, dass 1-2 Kinder eine Idee haben und dann alle anderen schlussendlich mitmachen „müssen“. Die einen weil sie überredet werden und die anderen aus Gruppenzwang, weil ihre Freunde auch mitmachen oder es keine wirkliche Alternative gibt, weil dieses Projekt zu viel Raum einnimmt. Solche Schulen sind zwar viel weniger streng und viel herzlicher, man merkt aber, dass trotz all dem noch viele Glaubenssätze verfolgt werden, wie z.B., dass Kinder um das Sozialverhalten zu lernen solche Kindergruppen brauchen.
    Es gibt bestimmt noch viele weitere Schultypen und Mischformen.
  • Bindung: In freien Schulen ist oft die Bindung ein grosses und bekanntes Thema. Viele orientieren sich an den Ideen und Erfahrungen von Gordon Neufeld und Maurizio und Rebeca Wild. (und ähnlich denkenden tollen Menschen). Bindung und damit eng Verbunden die Aufmerksamkeit gegenüber dem Kind und das Vertrauen in das Kind, ist aus unserer Sicht zweifelsohne einer der wichtigsten Bausteine, welchen wir unseren Kindern mitgeben können. Bei einer gesunden Begleitung der Kinder sollte die Bindung jedoch keine Überbehütung sein und sich an den Bedürfnisse der Kinder ausrichten.
    In freien Schulen treffen viele Familien zusammen, die möglichst alles richtig machen wollen, was auch dazu führen kann, dass schlichtweg auch übertrieben wird. Der Start ins Leben ist zweifelsohne mit viel Körperkontakt (tragen, stillen, Familienbett, Ausscheidungskommunikation etc.), Elternbezogenheit, Kernfamilien verbunden. Kinder lösen sich jedoch ab dem ersten Tag. Zuerst ganz langsam und kaum merklich und dann immer mehr von den Eltern/Bezugspersonen ab. Als Bedürfnisorientierte Eltern ist es sehr schwer mit dem Tempo der Kinder mitzugehen und die Kinder weder zu unterfordern noch zu überfordern. Das Entdecken beginnt jedoch unserer Meinung nach sehr früh und findet nicht nur am Körper der Eltern oder im unmittelbaren Umkreis der Bezugspersonen statt. Es geht auch schnell mal über die eigenen vier Wände hinaus. Ein gesund gebundenes Kind kann durchaus mit ca. 3 Jahren auf andere Menschen zu gehen und mit Freunden und Bekannte der Eltern Kontakt aufnehmen. Es kann auch mal ausser Sichtweite der Eltern für ein paar Minuten auf Entdeckungstour gehen usw., das eine macht es vielleicht ein halbes Jahr früher, das andere ein halbes Jahr später, jedoch finden wir eine solche Ablösung essentiell und möchten unsere Kinder in keine Schule schicken in der es sich in einer künstlichen Schutzblase aufhält.
  • Sozialkontakte: Kinder brauchen unserer Meinung nach keine Kinder, sie haben aber in der Regel Freude an anderen Kindern. Kinder brauchen nur Menschen die von ganzem Herzen mit ihnen eine ehrliche, aufrichtige und bedingungslose Beziehung eingehen wollen.
    Bei den Sozialkontakten ist unserer Erfahrung nach weniger mehr. Für ganz kleine Kinder reicht der Kontakt zu einer Handvoll Menschen völlig aus. Es macht überhaupt keinen Sinn eine Kindergruppe nach „Schuhgrösse“ zusammenzubringen. Viel mehr Sinn macht es mit Menschen Zeit zu verbringen, die dieselben Interessen teilen. Wir sehen es als Aufgabe von uns Eltern, genau solche Mentoren und Menschen für und mit unseren Kindern zu suchen, egal wie alt die Personen sind.
  • Wissen: Kinder brauchen kein Wissen von Lehrkräften oder Coaches. Auch die Eltern müssen nicht allwissend sein. Wissen gibt es überall von morgens bis abends und von abends bis morgens. Ein wichtiger Faktor um zu Wissen zu kommen, ist Suchtmittel auszuschalten. Sei dies durch Nahrung oder auch durch Konsum. Wir zeigen unseren Kinder von Anfang an was wir mit modernen Medien machen und warum wir es so machen. Unser Kind hat seit es ca. 4 Jahre alt ist einen Laptop zur Verfügung, es lernt bei Bedarf Schritt für Schritt was man damit machen kann und warum er unsere Arbeit erleichtert. Über Ernährung wird bei uns viel diskutiert, so lernen unsere Kinder, welche Nahrungsmittel ihnen gute Energie spenden und welche sie im Alltag einschränken. Damit haben sie eine gute äusserliche Basis zum Lernen. Noch wichtiger als die Suchtmittel auszuschalten, ist ein wohlwollendes herzliches Umfeld und eine gute Atmosphäre rund um die Kinder, was wiederum auch mit einer gesunden Bindung und Vertrauen zusammen hängt. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, gibt es kaum noch Hindernisse um den Wissensdurst unserer Kinder aufzuhalten. Danach müssen wir nur noch wissen wie Informationen und Materialien zu beschaffen sind bzw. wo wir uns für was Unterstützung holen können.
  • Geld: Wir investieren unser Geld viel lieber direkt in unsere Kinder als indirekt in eine Institution. Beim unschooling ist es praktisch, wenn man ein gutes Budget für die Interesse der Kinder und vor allem auch für Ausflüge hat, es ist jedoch nicht zwingend. Auch mit einem schmalen Budget ist unschooling möglich. Menschen die das wirklich wollen, sind kreativ und finden einen Weg. Auf jeden Fall kostet unschooling nicht mehr als eine freie Schule kosten würde. Ich würde sogar sagen, in den aller meisten Fällen viel weniger.
  • Beziehung: Uns ist die Beziehung und die Zeit mit unseren Kindern sehr wichtig. Wir haben uns für unsere Kinder entschieden, weil wir sie begleiten möchten, weil wir sie geniessen möchten, weil wir mit ihnen Zeit verbringen möchten, weil wir ihnen Liebe schenken möchten usw. Wir könnten uns nicht vorstellen, unsere Kinder 25-35 Stunden pro Woche regelmässig nicht zu sehen. (Alle ihre anderen Aktivitäten ausser Schule sind in dieser Stundenanzahl noch nicht eingerechnet.) Ein ganz wichtiger Punkt ist hier die Geschwisterbeziehung, die aus unserer Sicht bei Schulkindern, vor allem wenn sie einen grossen Altersabstand haben, zu kurz kommt. Wann haben Schulkinder während der Woche noch Zeit, drei Stunden oder länger miteinander intensiv Zeit zu verbringen? Da könnte man jetzt einwenden in freien Schulen sei dies möglich – ja vielleicht, doch die wenigsten Geschwister würden sich wohl in der freien Schule entscheiden, einen grossen Teil ihrer Zeit zusammen zu verbringen und wenn sie diese zusammen verbringen würden, wären dann wohl aber noch andere Kinder die zusätzlich dabei wären und einen direkten Einfluss auf die Geschwisterbeziehung haben.
  • Verein: In einer freien Schule würden die Kinder vielleicht Kinder mit ähnlichen Interessen finden, welche auch mit ihnen in einen Verein gehen würden. Dies könnte gut sein. Jedoch finden wir, dass es bei Kleinkindern keinen Verein braucht um einem Hobby nachzugehen. Ein Verein mit seinen Regeln und den vielen Kindern finden wir für die kleinkindliche Entfaltung eher hinderlich. In einem Alter von 10-12 Jahren, wenn dann eventuell ein echtes Interesse für einen Verein  besteht, wird das Kind durchaus in der Lage sein, alleine ohne Freund/Freundin hinzugehen und auch den Weg selbst zu meistern.
  • Mehrere Kinder: Bei mehreren Kindern könnte man meinen, dass es praktischer wäre, sie an eine freie Schule zu schicken. Der Betreuungsschlüssel wird jedoch in den meisten Fällen weniger hoch sein als zu Hause. Da unschooling weit entfernt von Schule zu Hause ist, müssen die Kinder auch nicht den ganzen Tag eins zu eins betreut werden. Oft machen sie Sachen zusammen oder haben Projekte bei denen sie Keinen brauchen der ihnen reinredet., oder sie haben Projekte die sie mit einem Mentor zusammen machen oder mit anderen Kinder und und und.
  • Feste, Bräuche und Kultur: In freien Schulen können solche Momente zusammen erlebt werden. Wir denken jedoch, dass es noch viel mehr Freude bereitet, wenn solche Momente in einem selbst ausgewählten kleinen Kreis stattfinden, welcher für die Kinder übersichtlich ist. Zuhause frei zu lernen heisst nicht von der Welt abgeschottet zu sein. Es bedeutet höchstens, selbst mal etwas mehr zu organisieren.
  • Lager: Lager können durchaus ohne Schule stattfinden. Am Anfang können diese von den Eltern organisiert werden, später von den Kindern selbst. Es gibt auch Lager von Vereinen oder Umweltschutzorganisationen an welchen Kinder teilnehmen können.
  • Zeit ohne Eltern: Es ist durchaus wertvoll, wenn Kinder ab einem gewissen Alter (ca 2 +) Zeit ohne ihre Eltern verbringen. Am Anfang eher kurze Episoden und ab ca. dem Kindergartenalter auch mal einen Tag. Um Zeit ohne Eltern zu verbringen braucht es keine Schule. Kinder die unschoolen haben in der Regel einige Möglichkeiten, Zeit ohne ihre Eltern zu verbringen. Wir wünschen uns sogar, dass unsere Kinder regelmässig Zeit ohne uns verbringen können, wenn sie das auch möchten. Hier helfen wir aber bei unseren Kleinkindern (zurzeit ist dies erst bei unserem Grossen ein Thema) gerne die passenden Leute und die passende Aktivität herauszufinden und zu organisieren.
  • Kinderbetreuung: In einigen Familien müssen oder wollen beide Eltern arbeiten. In diesem Fall ziehen alternative Eltern heutzutage immer öfters freie Schulen für die Kinderbetreuung in Betracht. Für uns ist dies auch mit ein Grund, weshalb unser Grosser einen Tag im „freien“ Kindergarten verbringt. Wenn wir jedoch das Pensum erhöhen müssten, würden wir ihn wegen dem zu grossen unerwünschten Einfluss wieder herausnehmen.
    Es mag schwer sein, andere gute Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder zu finden. Trotzdem lohnt es sich, sie zu suchen.
    Ansonsten könnte auch eine Umorientierung betreffend Arbeit eine Lösung sein. Wir haben uns für selbstständige Tätigkeiten entschieden, damit wir so oft wie möglich für die Kinder da sein können. Die Arbeit ist für mich als Mutter vor allem einen Ausgleich zu den Beschäftigungen mit den Kindern im Alltag und zum Haushalt. Ich möchte die Arbeit nicht missen, jedoch möchte ich mein kleines Teilzeitpensum auch nicht erhöhen.
    Damit es für uns alle und für unsere Projekte stimmig ist, sind wir zurzeit auf Kinderbetreuung angewiesen. Wir finden es eine ziemliche Herausforderung neben der Arbeit und unseren eigenen Bedürfnissen 7 Tage pro Woche 24 Stunden für unsere Kinder da zu sein.  Obwohl unsere Kinder fast bei allem was wir tun mit dabei sein können, fehlt uns der Clan, welchen wir als das natürlichste erachten würden. Die Betreuung nur in der Kleinfamilie braucht viel Energie und ist eigentlich nicht so vorgesehen. Es ist für uns einen Kompromiss, dass unser Grosser 5 Stunden pro Woche im „freien“ Kindergarten verbringt und wir zusätzlich eine Tagesmutter haben, die zurzeit ca 10 Stunden pro Woche bei uns Zuhause bei der Kinderbetreuung und im Haushalt hilft. (Ich übernehme an diesem Tag jedoch auch einige Aufgaben betreffend der Kinder und sie können jeder Zeit zu mir kommen.)
    Bei uns wird sich jedoch in den nächsten Jahren bezüglich Arbeit, Wohnform und Kinderbetreuung noch einiges ändern. Wichtig finden wir, dass immer wieder reflektiert wird ob die aktuelle Form für alle noch stimmig ist.

 

  • Es würde bestimmt noch einige weitere Punkte und Argumente unsererseits geben. Wir lassen diesen Text jedoch jetzt mal so stehen und wirken. Die genannten Punkte reichen aus, um zu verdeutlichen, dass es in unseren Augen keine durch Erwachsene inszenierte Lernorte braucht. (Tanja)