Vertrauen in die Fähigkeiten des Babys

Als ich mit dem zweiten Kind schwanger war, habe ich zum dritten mal das Buch von Willi Maurer „Der erste Augenblick des Lebens. Der Einfluss der Geburt auf die Heilung von Mensch und Erde“ gelesen.

Folgende stelle möchte ich hier zitieren (S. 304) (Taro ist die 2.5 Jährige Tochter von Clara):

Um vor unserem Weggehe noch eine dringliche E-Mail zu schreiben, begebe ich mich zwei Stockwerke höher. Nach kurzer Zeit kommt Taro, die sich offensichtlich für mich interessiert, allein die steile, praktisch geländerlose Wendeltreppe hoch. Mir stockt für einen Moment der Atem, doch ein helfender Eingriff ist nicht mehr möglich, denn schon ist sie oben. Clara hatte mir schon zuvor erklärt, dass Taro sich auf Treppen und Mauern völlig sicher bewege, da sie von klein auf instintiv gelernt habe, sich diesbezüglich nichts zuzutrauen, was sie nicht vorher >>be-griffen << habe.

Taro erkundet mein Arbeitszimmer und will sich anschliessend wieder auf den Rückweg ins untere Stockwerk machen. Ich bin entschlossen, mich vorsichtshalber unter die Treppe zu stellen, falls sie ausrutschen sollte. Doch erst einmal lasse ich ihr Zeit, sie hat sich offensichtlich doch noch nicht entschieden, die Treppe hinunterzugehen. Sie sitzt auf der obersten Stufe, schaut hinunter und äussert Laute des Zweifels und des Bedarfs nach Hilfe. Obwohl sie zur Mutter zurück will, stürmt sie nicht einfach los, weil sie sich das offensichtlich schwierigere Hinuntersteigen noch nicht zutraut, und so trete ich in Aktion, um sie auf dem Treppenstück zu begleiten. Aha, denke ich, wenn das feine Signal dieses Kindes gehört wird, muss es gar nicht erst laut werden. Doch wenn es nicht gehört würde, würde es selbstverständlich nicht zögern, mit aller Kraft zu schreien. Wie wunderbar ist doch diese Fähigkeit so klar um Hilfe zu rufen. Ein Stück gegenseitiges Vertrauen ist am Wachsen, ein Stück >>Neue Erde<< ist entstanden.

Wir haben uns entschieden unser zweites Kind von Anfang an noch mehr selbst machen zu lassen als das Erste. In den ersten Monaten waren wir immer ganz nahe bei seinen Neuenddeckungen dabei. Wir liessen es aber machen. Mit 6 Monaten fing es an zu kriechen. Mit 6.5 Monaten konnte es sich an Gegenständen hochziehen und stehen. Mit 8 Monaten konntdsc_1657e es an Gegenständen entlang gehen. Danach fing es mit 8.5 Monaten selbst an zu sitzen. Zuerst in einer Art knienden Position zwischen den Beinen, später mit gestreckten Beinen.  Um Distanzen einschätzen zu lernen, wurden Hindernisse zuerst vorwärts überwunden oder vorwärts Höhen abgetastet. Mit ca. 9.5 Monaten ging es automatisch rückwärts vom Sofa runter. Diese Fähigkeit wurde ein paar Tage ein geübt bis wir das Kind auch ohne dabei zu sein, machen liessen. Etwas später mit ca. 10 Monaten übte es aufs Sofa hinauf zu klettern bis auch das klappte. Ebenso mit 9.5 Monaten fing es sich an, fürs Treppensteigen zu interessieren. Wir begleiteten unser Kind während der ersten Zeit ganz nahe beim Treppensteigen. Nach einem Monat liessen wir es die ersten vier Stufen aus Sichtweite hinauf krabbeln. Seit es nun 11 3/4 Monate alt ist, geht es unsere Treppe selbständig hinauf und runter ohne das wir direkt dabei sind. Oft sind wir aber noch in der Nähe. Ebenso klettert unser Kind selbständig auf den Kletterbogen und wieder runter. Weiter haben wir sowohl in der Küche wie auch im Badezimmer einen Zweitritt auf welche es selbständig hinauf und runter klettert. Manchmal sind wir direkt dabei und manchmal nicht. Wenn ich merke das das Kind müde ist, stelle ich entweder diedsc_1960 Zweitritte an einen unerreichbaren Ort oder begleite das Kind eng bei seinen Erkundungen. Es macht so viel Freude zu sehen was schon kleine Kinder für Fähigkeiten haben, wenn man sie nur lässt. Ein Restrisiko gibt es immer, wobei ich dieses nicht grösser einschätze als beim Fünfjährigen, denn unser Kind ruft uns zuverlässig, wenn es nicht mehr weiterkommt, wenn es nicht mehr mag oder wenn es in einer Lage ist, aus der es nicht selbst wieder heraus kommt. Ich bin der Meinung, dass, wenn wir in der Anfangsphase vom einüben von neuen Fähigkeiten in Bereitschaft stehen und die Kinder erst ganz selber lassen, wenn sie sich und wir uns dabei sicher fühlen, vieles Unvorhergesehenes vermieden werden kann.

Für uns machen Treppenabsperrungen, Laufgitter, Schrankverschlüsse, Learningtower etc. wenig Sinn.